Ich heiße Thomas, 38 Jahre, wohne in Leipzig.
Seit 2 Jahren wohnte Frau Becker nebenan. 83 Jahre alt. Allein. Ihr Mann war 2019 gestorben.
Jeden Morgen, um Punkt 7 Uhr, klopfte sie an meine Tür. Klopf, klopf.
Am Anfang machte ich auf. Sie stand da mit einem kleinen Teller. Mal ein Stück Kuchen. Mal zwei Kekse. Mal eine Scheibe Brot mit Marmelade.
“Guten Morgen, junger Mann. Ich habe zu viel gebacken. Für Sie.”
Ich fand es nett. Am Anfang.
Nach 3 Monaten fand ich es lästig. Ich arbeite im Homeoffice. Ich will um 7 Uhr meine Ruhe. Ich will schlafen.
Ich fing an, nicht mehr aufzumachen. Ich rief durch die Tür: “Danke, Frau Becker, ich brauche heute nichts!”
Sie sagte nur leise: “Oh. Entschuldigung.”
Aber am nächsten Morgen: Klopf, klopf. Wieder 7 Uhr.
Ich wurde unfreundlich. “Frau Becker, ich habe Ihnen doch gesagt, ich brauche nichts!”
Sie kam trotzdem. Jeden Tag.
Letzten Dienstag war es still. Kein Klopfen. 7 Uhr. Nichts. 7:15 Uhr. Nichts. 8 Uhr. Nichts.
Ich dachte: Endlich hat sie es verstanden.
Um 10 Uhr klopfte der Hausmeister bei mir. “Herr Thomas, haben Sie Frau Becker gesehen? Ihre Rollläden sind noch unten. Das ist ungewöhnlich.”
Wir haben die Tür aufgemacht. Mit dem Zweitschlüssel vom Hausmeister.
Frau Becker lag auf dem Boden in ihrer Küche. Seit gestern Abend. Schlaganfall. Sie konnte nicht aufstehen. Sie konnte nicht rufen. Sie war 15 Stunden da gelegen.
Auf ihrem Küchentisch lag ein kleiner Teller. Abgedeckt mit Folie. Darauf zwei Kekse. Und ein Zettel.
“Für den jungen Mann von nebenan. Falls er heute doch Hunger hat. – E. Becker”
Der Notarzt sagte, wenn wir sie 2 Stunden später gefunden hätten, wäre sie tot gewesen.
Sie liegt jetzt im Krankenhaus. Ich war jeden Tag bei ihr.
Gestern sagte sie zu mir, mit schwacher Stimme: “Es tut mir leid, dass ich Sie jeden Morgen gestört habe.”
Ich habe geweint. Zum ersten Mal seit 10 Jahren habe ich vor einer anderen Person geweint.
Ich sagte: “Frau Becker, Sie haben mich nicht gestört. Sie haben auf mich aufgepasst. Jeden Morgen haben Sie geschaut, ob ich noch lebe. Und ich habe es nicht verstanden. Sie waren meine Familie und ich habe die Tür nicht aufgemacht.”
Heute ist Donnerstag. 7 Uhr morgens. Ich stehe vor ihrer Tür im Krankenhaus. Mit einem kleinen Teller. Zwei Kekse.
Klopf, klopf.
Sie lächelt. Endlich.
Manchmal ist das Klopfen, das uns am meisten stört, das Klopfen, das uns am Leben hält. Wann hast du das letzte Mal bei deiner alten Nachbarin geklopft?