Marseille im Sommer ist laut. Sehr laut. Es ist die lauteste Stadt Frankreichs. Autos hupen, Menschen schreien auf Arabisch und Französisch, Kinder spielen Fußball auf der Straße, Möwen schreien über dem alten Hafen, und die Fischer verkaufen ihren Fisch und rufen die Preise.
Aber an einem Sonntagmorgen im August, um 7 Uhr, ist Marseille leise. Sehr leise. Vor allem in der kleinen Straße Rue des Chapeliers, in der Nähe des Viertels Le Panier, dem ältesten Viertel von Marseille.
Dort gibt es eine kleine Moschee. Keine große, berühmte Moschee mit einem großen Minarett, sondern eine kleine, einfache Moschee in einem alten Haus. Die Tür ist blau gestrichen, die Farbe blättert schon etwas ab. Vor der Tür gibt es eine kleine Stufe.
Jeden Sonntagmorgen um 7 Uhr kommt eine Frau dorthin. Sie ist etwa 35 Jahre alt. Sie trägt ein schwarzes Kleid, das etwas zu warm ist für den Sommer in Marseille. Sie trägt ein Kopftuch. Sie kommt immer allein. Sie hat eine kleine Plastiktüte in der Hand. In der Tüte sind rote Kinderschuhe. Kleine, rote Lederschuhe. Größe 26. Für ein Kind von etwa 5 Jahren.
Sie stellt die Schuhe vor die Tür der Moschee. Ganz ordentlich, nebeneinander, als würde gleich ein kleines Kind hineinschlüpfen. Dann legt sie einen kleinen Zettel daneben. Auf dem Zettel steht immer dasselbe, mit einem blauen Kugelschreiber geschrieben: “Für meine Layla. Falls sie kommt.”
Dann geht sie. Schnell. Ohne sich umzudrehen. Als hätte sie Angst, dass jemand sie sieht.
Ich habe das zufällig gesehen. Ich wohnte in dieser Straße, in einer kleinen Wohnung über einer Bäckerei. Ich stand am Sonntag um 7 Uhr auf meinem kleinen Balkon und trank Kaffee. Ich sah sie. Jede Woche. Immer Sonntag, 7 Uhr. Rote Schuhe. Zettel. Weg.
Nach einem Monat konnte ich nicht mehr anders. Ich musste sie ansprechen.
An einem Sonntag wartete ich vor der Moschee. Um 6:50 Uhr. Es war noch dunkel. Marseille wachte langsam auf.
Um 7 Uhr kam sie. Wie immer. Schwarzes Kleid, Plastiktüte, rote Schuhe.
Sie stellte die Schuhe ab. Legte den Zettel hin. Wollte gehen.
Ich sagte: “Entschuldigung.”
Sie erschrak. Sie hatte Angst. Sie dachte, ich will sie beschimpfen.
“Ich wohne da oben”, sagte ich und zeigte auf meinen Balkon. “Ich sehe Sie jede Woche. Seit einem Monat. Immer rote Schuhe. Ich wollte nur fragen: Warum?”
Sie schaute mich lange an. Sie hatte sehr dunkle Augen, die vom Weinen rot waren, auch wenn sie jetzt nicht weinte.
“Meine Tochter”, sagte sie leise. Auf Französisch, mit einem starken algerischen Akzent. “Sie hieß Layla. Sie ist vor sechs Jahren gestorben. Sie war fünf Jahre alt.”
Sie setzte sich auf die Stufe vor der Moschee, neben die roten Schuhe.
“Layla liebte rote Schuhe. Sie wollte immer rote Schuhe. Wie die Mädchen in der Schule. Aber wir hatten kein Geld. Mein Mann arbeitete im Hafen, ich putzte in Häusern. Rote Lederschuhe, das war zu teuer. 40 Euro. Das war eine Woche Essen für uns.
Ich sagte ihr: ‘Layla, nächstes Jahr, wenn du in die Schule kommst, bekommst du rote Schuhe. Versprochen. Rote Schuhe wie eine Prinzessin.’
Sie hat jeden Tag gefragt: ‘Mama, wann bekomme ich meine roten Schuhe?’
Dann wurde sie krank. Leukämie. Sehr schnell. Die Ärzte in Marseille sagten, sie braucht eine Behandlung in Paris. Wir hatten kein Geld. Wir hatten keine Papiere. Wir waren ohne Papiere in Frankreich. Wir hatten Angst, ins Krankenhaus zu gehen. Wir dachten, sie schicken uns zurück nach Algerien.
Sie starb nach drei Monaten. An einem Sonntag. Um 7 Uhr morgens. In meinen Armen. In unserer kleinen Wohnung. Ohne rote Schuhe. Sie hatte nie rote Schuhe.”
Die Frau weinte jetzt. Leise.
“Nach ihrem Tod habe ich angefangen, rote Schuhe zu kaufen. Jeden Monat ein Paar. Größe 26. Rote Lederschuhe. Ich spare das Geld. Ich kaufe sie. Und jeden Sonntag stelle ich sie vor die Moschee. Weil Layla sagte: ‘Mama, wenn ich sterbe, komme ich als Engel zurück. Ich schaue, ob du mir meine roten Schuhe gekauft hast.’
Ich weiß, dass sie tot ist. Ich weiß, dass sie nicht als Engel zurückkommt. Ich bin nicht verrückt. Aber wenn ich die Schuhe hier hinstelle, dann habe ich das Gefühl, ich halte mein Versprechen. Ich habe ihr versprochen: Rote Schuhe wie eine Prinzessin. Und jetzt bekommt sie sie. Jede Woche. Seit sechs Jahren.
Die Leute aus der Moschee nehmen die Schuhe und geben sie armen Kindern. Das ist gut. Dann hat ein anderes Kind rote Schuhe. Ein Kind, das wie Layla ist. Das ist, als würde Layla weiterleben. In anderen Kindern. Mit roten Schuhen.”
Sie stand auf. Sie wollte gehen.
“Wie heißen Sie?” fragte ich.
“Fatima”, sagte sie. “Fatima aus Oran. Mutter von Layla. Mutter von roten Schuhen.”
Sie ging. Ich blieb bei den roten Schuhen stehen. Auf dem Zettel stand: “Für meine Layla. Falls sie kommt.”
Ich habe Fatima danach noch oft gesehen. Jeden Sonntag, 7 Uhr. Rote Schuhe. Seitdem sind drei Jahre vergangen. Das sind 156 Paar rote Schuhe. 156 kleine Mädchen in Marseille, die rote Schuhe tragen, ohne zu wissen, dass sie von einer Mutter sind, die ihr Versprechen an ihre tote Tochter hält.
Letzten Sonntag waren die Schuhe nicht rot. Sie waren weiß. Kleine, weiße Schuhe. Und auf dem Zettel stand: “Für Layla. 11 Jahre heute. Alles Gute zum Geburtstag, meine Prinzessin.”
Ich weinte auf meinem Balkon in Marseille. Um 7 Uhr morgens. An einem Sonntag. Wegen weißer Schuhe.
Wenn Sie das nächste Mal in Marseille sind, in der Rue des Chapeliers, schauen Sie auf die blaue Tür der kleinen Moschee. Vielleicht stehen dort rote Schuhe. Und wenn sie dort stehen, dann denken Sie an Layla. Ein kleines Mädchen, das nie rote Schuhe hatte, aber jetzt 156 kleinen Mädchen rote Schuhe geschenkt hat. Weil ihre Mama ein Versprechen gehalten hat.