In Toulouse gibt es einen kleinen Buchladen in der Rue du Taur, in der Altstadt. Der Laden heißt “L’Impossible”. Er ist so klein, dass nur drei Menschen gleichzeitig hineinpassen. Die Wände sind voller Bücher, vom Boden bis zur Decke. Es riecht nach altem Papier und nach Kaffee.
Ich ging dort oft hin, wenn ich in Toulouse war. Der Besitzer war ein Mann namens Alain, etwa 70 Jahre alt, mit einer runden Brille und einem Pullover, der immer zu groß war.
In seinem Laden gab es ein Regal, das anders war als die anderen. Es war abgeschlossen. Hinter Glas. Darin lag nur ein einziger Brief. Ein alter, vergilbter Umschlag, mit einer Briefmarke aus dem Jahr 1982. Darauf stand in einer kindlichen Handschrift: “Für Mama. Bitte erst öffnen, wenn ich 30 bin.”
Ich fragte Alain einmal danach.
Er sagte: “Dieser Brief ist seit 25 Jahren hier.”
“Vor 25 Jahren kam eine Frau in meinen Laden. Sie weinte. Sie hatte einen Jungen an der Hand, etwa acht Jahre alt. Sie sagte: ‘Mein Sohn hat einen Brief für mich geschrieben. Er will, dass ich ihn erst öffne, wenn er 30 ist. Aber ich habe Angst. Ich habe Angst, dass ich es nicht schaffe, bis dahin zu warten. Können Sie ihn für mich aufbewahren? Bitte. Ich vertraue Ihnen. Bewahren Sie ihn auf, bis mein Sohn 30 ist.’
Ich sagte ja. Ich legte den Brief in dieses Regal und schloss es ab.
Die Frau kam nie wieder. Ich habe sie nie wieder gesehen. Der Junge wäre jetzt 33 Jahre alt. Der Brief ist immer noch hier. Ich habe ihn nie geöffnet. Es steht nicht mir zu, ihn zu öffnen. Er ist für seine Mama.
Jeden Tag kommen Leute und wollen ihn kaufen. Sie bieten viel Geld. Aber ich verkaufe ihn nicht. Er ist nicht mein Brief. Er ist ein Versprechen.
Manchmal, wenn der Laden leer ist, schaue ich auf den Brief und frage mich: Was steht drin? Hat der Junge seiner Mama gesagt, dass er sie liebt? Hat er ihr gesagt, dass er stolz auf sie ist? Oder hat er ihr etwas verziehen?
Und ich frage mich: Wo ist die Mama? Hat sie bis zum 30. Geburtstag ihres Sohnes gewartet? Hat sie es geschafft? Oder ist sie vorher gegangen?
Ich werde diesen Laden irgendwann schließen müssen. Ich bin alt. Aber diesen Brief, den werde ich mitnehmen. Ich werde ihn weiter aufbewahren. Bis jemand kommt und sagt: ‘Ich bin der Junge aus dem Jahr 1982. Ich bin jetzt 33. Meine Mama hat es nicht geschafft. Kann ich den Brief lesen?’
Und dann werde ich ihm den Brief geben. Und ich werde weinen. Weil endlich jemand den Brief lesen wird, der nie geöffnet werden durfte.”
Ich stand vor diesem Regal in Toulouse. Vor einem Brief, der seit 25 Jahren auf seine Mama wartet. Und ich dachte an meine eigene Mama.
Ich rief sie an. An diesem Tag. Ich sagte: “Mama, ich liebe dich.”
Sie sagte: “Warum weinst du?”
Ich sagte: “Kein Grund. Ich wollte es nur sagen, bevor ich 30 bin.”