DER GÄRTNER, DER SEIT 18 JAHREN JEDEN TAG EINE TOTE ROSE GIESS

In der Nähe von Heidelberg, in einem kleinen Dorf namens Handschuhsheim, gibt es einen Garten. Kein besonderer Garten. 300 Quadratmeter. Mit einer kleinen Hütte. Und in der Mitte des Gartens gibt es ein Rosenbeet. Ein einziges Rosenbeet. Mit einer einzigen Rose. Eine rote Rose. Die tot ist. Seit 18 Jahren.

Und jeden Tag um 17:00 Uhr kommt Herr Wilhelm. Wilhelm ist 82 Jahre alt. Gärtner seit 1960. 60 Jahre lang hat er in Heidelberg die Parks gepflegt. Er kennt jede Blume. Jede Rose.

Seit 18 Jahren, seit 2006, kommt er jeden Tag um 17:00 Uhr in seinen Garten. Mit einer kleinen grünen Gießkanne. Er gießt die tote Rose. Jeden Tag. Auch im Winter. Auch wenn es schneit. Er macht ein Loch im Schnee und gießt die tote Rose. Auch wenn es regnet. Auch wenn er krank ist.

Warum gießt ein 82-jähriger Gärtner seit 18 Jahren jeden Tag um 17:00 Uhr eine tote Rose?

Im Jahr 1968 hat Wilhelm seine Frau kennengelernt. Anna. Sie war 20, er war 24. Sie haben sich auf dem Heidelberger Schlosspark kennengelernt. Sie hat Rosen geliebt. Rote Rosen.

Am 14. Juni 1969 haben sie geheiratet. Am gleichen Tag hat Wilhelm in seinem Garten eine rote Rose gepflanzt. Eine Sorte namens “Anna”. Er hat sie “Anna” genannt, wie seine Frau.

Die Rose und Anna sind zusammen gewachsen. 37 Jahre lang.

Anna kam jeden Tag um 17:00 Uhr in den Garten. Nach ihrer Arbeit als Lehrerin. Sie setzte sich auf die kleine Bank vor der Rose und schaute sie an. Wilhelm kam dazu. Sie tranken Tee. Sie redeten über den Tag. Das war ihr Ritual. 17:00 Uhr, Rosenbeet, Tee. 37 Jahre lang. Von 1969 bis 2006.

Am 3. Mai 2006 ist Anna gestorben. Krebs. Sehr schnell. 3 Monate. Sie war 58 Jahre alt.

Am Tag vor ihrem Tod, am 2. Mai 2006 um 17:00 Uhr, hat Wilhelm Anna das letzte Mal in den Garten getragen. Sie konnte nicht mehr laufen. Er hat sie auf die Bank gesetzt. Vor der Rose. Die Rose blühte gerade. Sehr schön. Rot.

Anna hat gesagt: “Wilhelm, versprich mir, dass du die Rose weiter gießt. Jeden Tag um 17:00 Uhr. Auch wenn ich nicht mehr da bin. Dann weiß ich, dass du um 17:00 Uhr an mich denkst. Und ich denke von oben an dich.”

Wilhelm hat versprochen.

Am 3. Mai 2006 um 6:00 Uhr morgens ist Anna gestorben. Im Krankenhaus. Wilhelm war bei ihr.

Am gleichen Tag, um 17:00 Uhr, ist Wilhelm in den Garten gegangen. Mit der grünen Gießkanne. Er hat die Rose gegossen. Zum ersten Mal ohne Anna. Er hat Tee gemacht. Zwei Tassen. Eine für ihn, eine für die leere Bank. Er hat mit der leeren Bank geredet. Wie früher mit Anna.

Im Winter 2006, im Dezember, ist die Rose gestorben. Zu kalt. Minus 15 Grad in Heidelberg. Wilhelm war im Krankenhaus. Lungenentzündung. Er konnte 2 Wochen nicht gießen. Als er zurückkam, war die Rose schwarz. Tot.

Er hätte eine neue pflanzen können. Er ist Gärtner. Er weiß, wie man Rosen pflanzt. Er hat 100 Rosen zu Hause im Gewächshaus.

Aber er hat es nicht getan. Er hat gesagt: “Das ist die Rose von Anna. Die Rose, die am 2. Mai 2006 geblüht hat, als Anna sie das letzte Mal gesehen hat. Wenn ich eine neue pflanze, ist es nicht mehr die Rose von Anna.”

Seit Dezember 2006, seit 18 Jahren, gießt Wilhelm jeden Tag um 17:00 Uhr eine tote, schwarze Rose. Mit seiner kleinen grünen Gießkanne. Er macht zwei Tassen Tee. Er setzt sich auf die Bank. Er redet mit der leeren Bank neben ihm. Und mit der toten Rose.

Die Nachbarn haben am Anfang gesagt: “Der Wilhelm spinnt. Der gießt eine tote Rose.” Jetzt, nach 18 Jahren, bringen sie ihm manchmal Kekse um 17:00 Uhr. Sie setzen sich nicht auf Annas Bank. Nie. Annas Bank bleibt leer. Auch wenn 10 Leute im Garten sind, Annas Bank bleibt leer.

Letztes Jahr hat Wilhelms Enkel, 12 Jahre alt, gefragt: “Opa, warum gießt du eine tote Rose? Die ist doch tot. Die kommt nicht wieder.”

Wilhelm hat gesagt: “Ich gieße nicht die Rose, mein Junge. Ich gieße 17:00 Uhr. 17:00 Uhr war die Zeit von Oma und mir. Solange ich um 17:00 Uhr gieße, ist 17:00 Uhr noch unsere Zeit. Wenn ich aufhöre zu gießen, ist 17:00 Uhr nur noch eine Uhrzeit wie jede andere. Verstehst du?”

Der Enkel hat nicht verstanden. Aber er kommt jetzt jeden Tag um 17:00 Uhr und trinkt Tee mit Opa. Er sitzt auf dem Boden, nicht auf Annas Bank.

Wilhelm hat Krebs. Seit 3 Monaten. Er weiß es. Der Arzt hat gesagt: noch 6 Monate vielleicht. Er hat es niemandem gesagt. Nur der toten Rose.

Er hat zu der toten Rose gesagt: “Bald komme ich, Anna. Aber wer gießt dann 17:00 Uhr?”

Gestern war ich in Heidelberg. Ich bin zu Wilhelms Garten gegangen. Um 17:00 Uhr. Ich habe Wilhelm gesehen. 82 Jahre alt, kleine grüne Gießkanne, gießt eine schwarze tote Rose. Zwei Tassen Tee dampfen auf dem kleinen Tisch. Eine Bank leer.

Ich habe gefragt: “Herr Wilhelm, darf ich mich setzen?”

Er hat gesagt: “Ja, aber nicht auf die Bank. Das ist Annas Bank. Seit 1969. Setz dich auf den Boden. Der Boden gehört allen.”

Ich habe mich auf den Boden gesetzt. Wir haben Tee getrunken. Um 17:05 Uhr hat er gesagt: “Jetzt muss ich Anna erzählen, wie mein Tag war.”

Und er hat geredet. 20 Minuten lang. Mit der leeren Bank. Als wäre Anna da.

Es gibt Gärtner, die gießen Rosen, damit sie blühen. Und es gibt Wilhelm, 82 Jahre alt in Handschuhsheim bei Heidelberg, der seit 18 Jahren jeden Tag um 17:00 Uhr bei Schnee und Regen mit einer kleinen grünen Gießkanne eine tote schwarze Rose gießt, zwei Tassen Tee macht, eine für sich und eine für eine leere Bank, und 20 Minuten lang mit einer leeren Bank redet, weil am 2. Mai 2006 um 17:00 Uhr seine Frau Anna, 58 Jahre, zum letzten Mal vor dieser Rose saß und sagte: “Gieß die Rose weiter jeden Tag um 17:00 Uhr, dann weiß ich, dass du an mich denkst.”

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *