DER BUSFAHRER, DER SEIT 22 JAHREN JEDEN MORGEN DEN LEEREN SCHULBUS FÄHRT

In einem kleinen Dorf in Bayern, in der Nähe von Regensburg, gibt es einen alten Schulbus. Gelb. Rostig. Die Reifen sind platt. Er steht seit 22 Jahren hinter der alten Schule. Seit 2002 fährt er nicht mehr. Die Schule ist geschlossen. Kein Kind mehr.

Und jeden Morgen um 6:30 Uhr kommt Herr Franz. Franz ist 77 Jahre alt. Busfahrer seit 1971. 50 Jahre lang hat er Kinder zur Schule gefahren. Jeden Morgen. Bei Schnee, bei Regen, bei minus 20 Grad in Bayern.

Er hat einen Schlüssel. Den alten Schlüssel vom gelben Bus. Er steigt ein. Er setzt sich auf den Fahrersitz. Der Sitz ist kaputt. Die Federn kommen raus. Er startet den Motor nicht. Der Motor ist tot seit 2002. Er sitzt nur da. Und er wartet. Bis 7:15 Uhr. Wie früher.

Warum wartet er seit 22 Jahren jeden Morgen in einem kaputten Bus?

Am 12. September 2002 war sein letzter Arbeitstag. Der letzte Tag der Schule. Danach sollte die Schule geschlossen werden. Die Kinder sollten in die große Stadt fahren. Der Bus sollte verkauft werden.

An diesem letzten Morgen, am 12. September 2002, ist etwas passiert.

Ein kleines Mädchen. Lina. 7 Jahre alt. Erste Klasse. Sie war immer die Letzte. Sie kam immer zu spät. Weil ihre Mutter krank war und sie musste ihrer Mutter helfen morgens.

An diesem letzten Tag kam Lina zu spät. Um 7:20 Uhr. Der Bus war schon voll. Alle Kinder waren drin. Franz wollte losfahren. Er hat in den Spiegel geschaut. Er hat Lina gesehen, wie sie gerannt ist. Mit ihrem kleinen roten Rucksack. Sie hat geschrien: “Herr Franz, warten Sie! Warten Sie!”

Franz hat sie gesehen. Aber er war müde. Es war der letzte Tag. Er dachte: “Ach, die Schule ist sowieso zu. Sie kommt 5 Minuten zu spät am letzten Tag, das ist egal.”

Er hat die Tür zugemacht. Und ist losgefahren. Er hat Lina im Spiegel gesehen, wie sie stehen geblieben ist. Auf der leeren Straße. Mit ihrem roten Rucksack. Ganz allein. Sie hat geweint.

Das war das letzte Mal, dass er sie gesehen hat.

Am Nachmittag hat die Polizei angerufen. Lina ist auf dem Heimweg von der Schule, weil sie den Bus verpasst hat, auf die Straße gelaufen. Ohne zu schauen. Ein Auto hat sie erfasst. Tot. 7 Jahre alt.

Auf ihrer Beerdigung war Franz nicht. Er konnte nicht. Er hat sich geschämt.

Seit dem nächsten Morgen, dem 13. September 2002, kommt Franz jeden Morgen um 6:30 Uhr zum alten gelben Bus. Er setzt sich rein. Und er wartet bis 7:20 Uhr. Bis 7:20 Uhr, die Zeit, als Lina zu spät kam.

Er sagt: “Ich warte auf Lina. Ich mache die Tür auf. Diesmal mache ich die Tür auf.”

Die Leute im Dorf haben ihn am Anfang für verrückt gehalten. “Der alte Franz, der sitzt in seinem kaputten Bus.” Dann haben sie verstanden. Jetzt lassen sie ihn.

Der Bürgermeister wollte den Bus 2015 verschrotten lassen. Wegwerfen. Franz hat sich vor den Bus gestellt. 76 Jahre alt. Er hat gesagt: “Wenn ihr den Bus wegwerft, wo soll Lina dann einsteigen? Sie sucht den gelben Bus. Sie kennt nur den gelben Bus.”

Der Bus ist geblieben.

Jeden Morgen um 6:30 Uhr sitzt Franz drin. Manchmal macht er die Tür auf und zu. So wie früher. “Die Tür ist offen, Lina. Du kannst einsteigen.”

Im Bus, auf dem zweiten Sitz hinter dem Fahrer, liegt immer noch ein kleiner roter Rucksack. Ein neuer. Franz kauft jedes Jahr einen neuen roten Rucksack. Weil der alte kaputt geht vom Regen, weil das Dach vom Bus leckt.

Er sagt: “Wenn Lina kommt, braucht sie einen Rucksack für die Schule.”

Letztes Jahr im Winter war es minus 18 Grad. Franz hatte eine Lungenentzündung. 38 Grad Fieber. Seine Frau hat gesagt: “Du bleibst im Bett.” Um 6:30 Uhr war er weg. Im Bus. Bei minus 18 Grad. In einem Bus ohne Heizung. Er hat gewartet bis 7:20 Uhr.

Seine Frau hat geweint und gesagt: “Franz, Lina ist tot. Sie kommt nicht mehr.”

Franz hat gesagt: “Ich weiß, dass sie tot ist. Aber ich habe an diesem Morgen die Tür zugemacht. Ich muss jeden Morgen die Tür wieder aufmachen. Verstehst du? Ich muss die Tür aufmachen, bis Gott sagt, es ist genug.”

Ich bin letztes Jahr nach Bayern gefahren. Ich habe Franz um 6:30 Uhr im Bus gesehen. Ich habe gefragt: “Herr Franz, darf ich mich setzen?”

Er hat gesagt: “Ja, aber nicht auf den zweiten Sitz. Das ist Linas Sitz. Mit dem roten Rucksack.”

Ich habe mich auf den dritten Sitz gesetzt. Wir haben bis 7:20 Uhr gewartet. Schweigend. Um 7:20 Uhr hat er die Tür aufgemacht. Er hat nach draußen geschaut. Auf die leere Straße. Es kam niemand.

Er hat die Tür wieder zugemacht. Er hat gesagt: “Vielleicht morgen. Vielleicht morgen kommt sie und ich kann endlich sagen: Es tut mir leid, Lina. Die Tür ist offen.”

Es gibt Busfahrer, die fahren Kinder zur Schule, um Geld zu verdienen. Und es gibt Herrn Franz, 77 Jahre alt in Bayern, der seit 22 Jahren jeden Morgen um 6:30 Uhr bei minus 20 Grad mit Fieber in einen kaputten gelben Schulbus mit platten Reifen steigt, der seit 2002 nicht mehr fährt, und bis 7:20 Uhr wartet, die Tür auf und zu macht, mit einem kleinen roten Rucksack auf dem zweiten Sitz, weil er am 12. September 2002 an seinem letzten Arbeitstag die Tür vor einem kleinen Mädchen mit rotem Rucksack zugemacht hat, das zu spät kam und am gleichen Tag starb.

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