DER LEERE ROTE KOFFER AM BAHNHOF VON LYON – Eine wahre Geschichte, die mich gebrochen hat.

Es war ein Freitag. 17 Uhr. Gare de Lyon Part-Dieu in Lyon. Der größte Bahnhof der Stadt. Laut, hektisch, voller Menschen, die nach Hause wollen. Züge kommen und gehen, Durchsagen auf Französisch, Kinder schreien, Koffer rollen über den Boden.

Ich saß auf einer Bank in Halle 1, wartete auf meinen Zug nach Paris. Mein Zug hatte eine Stunde Verspätung. Ich war genervt.

Und dann sah ich sie.

Eine Frau, etwa vierzig Jahre alt. Sie hatte dunkle, lockige Haare, die zu einem unordentlichen Dutt zusammengebunden waren. Sie trug eine olivgrüne Jacke, die schon etwas abgenutzt war, und eine Jeans. Neben ihr auf der Bank stand ein großer, alter, roter Koffer. Ein Koffer aus den siebziger Jahren, aus hartem Kunststoff, mit Kratzern und Aufklebern. Der Koffer war offen. Und er war leer. Komplett leer. Kein einziges Kleidungsstück. Nur das rote, leere Innere.

Sie saß da und starrte auf die große Anzeigetafel. Auf die ankommenden Züge aus dem Süden. Marseille, Montpellier, Perpignan.

Eine Stunde lang saß sie so da. Sie stand nicht auf. Sie kaufte nichts zu trinken. Sie schaute nur auf die Tafel. Immer wieder kamen Züge an. Menschen stiegen aus, umarmten ihre Familien, weinten vor Freude. Aber für sie stieg niemand aus.

Nach einer Stunde stand sie auf. Sie schloss den leeren roten Koffer. Sie nahm ihn in die Hand – er war leicht, weil er leer war – und ging langsam zum Ausgang. Ihr Kopf war gesenkt.

Ich konnte nicht anders. Ich musste sie ansprechen. Ich ging zu ihr und fragte auf Französisch: “Entschuldigung, haben Sie etwas verloren? Kann ich Ihnen helfen?”

Sie erschrak. Dann lächelte sie traurig und sagte: “Nein, danke. Ich habe nichts verloren. Ich warte nur.”

“Worauf warten Sie?” fragte ich.

Sie setzte sich wieder auf die Bank und erzählte. Und was sie erzählte, hat mein Herz in tausend Stücke gebrochen.

“Ich heiße Aïcha”, sagte sie. “Ich bin vor zwanzig Jahren aus Algerien nach Frankreich gekommen. Mit meinem kleinen Bruder. Er hieß Youssef. Er war acht Jahre jünger als ich. Ich war wie seine zweite Mutter. Ich habe ihn großgezogen, nachdem unsere Mutter gestorben ist.

Vor zehn Jahren ist Youssef zurück nach Algerien gefahren, um unseren Vater zu besuchen. Er sagte: ‘Ich bin in drei Wochen zurück, Aïcha. Mach dir keine Sorgen. Pass auf meinen roten Koffer auf. Ich brauche ihn für die Rückfahrt.’

Dieser rote Koffer hier, das ist sein Koffer. Er hat ihn als Kind immer geliebt, weil er so knallrot war.

Er ist in Algerien angekommen. Er hat unseren Vater besucht. Und dann, auf dem Rückweg, wollte er den Zug von Algier zum Hafen nehmen, um die Fähre nach Marseille zu nehmen. Er hat mir vom Bahnhof aus angerufen. Er sagte: ‘Aïcha, ich bin am Bahnhof. Mein Zug kommt in einer Stunde. In zwei Tagen bin ich bei dir in Lyon. Mach Couscous.’

Das war vor zehn Jahren. Sein Zug ist nie angekommen. Es gab einen schweren Unfall auf der Strecke. Viele Tote. Viele Verletzte. Man hat seinen Namen auf keiner Liste gefunden. Weder bei den Toten, noch bei den Verletzten, noch bei den Überlebenden. Er war einfach verschwunden. Die Behörden sagten, vielleicht ist er nie in den Zug gestiegen. Vielleicht ist er woanders hingegangen. Aber ich weiß, er ist in den Zug gestiegen. Er hat mich angerufen vom Bahnhof.

Seit zehn Jahren komme ich jeden Freitag hierher. Freitags um 17 Uhr, weil sein Zug freitags um 17 Uhr in Lyon ankommen sollte. Ich komme mit seinem leeren roten Koffer. Ich setze mich hierher und warte zwei Stunden. Ich schaue auf die Anzeigetafel. Ich warte, dass sein Name aufgerufen wird. Dass er aus einem Zug aus Marseille steigt, mit seinem roten Koffer in der Hand, und sagt: ‘Aïcha, ich bin da. Hast du auf mich gewartet?’

Ich weiß, dass er nicht mehr kommt. Ich weiß es im Kopf. Aber mein Herz will es nicht verstehen. Wenn ich aufhöre, hierher zu kommen, wenn ich aufhöre, mit seinem leeren Koffer zu warten, dann ist es, als würde ich sagen: Er ist tot. Er kommt nie wieder. Und das kann ich nicht. Ich kann nicht aufhören, seine Schwester zu sein, die auf ihn wartet.

Also komme ich. Jeden Freitag. Mit seinem leeren roten Koffer. Und ich warte zwei Stunden. Und dann gehe ich nach Hause und mache trotzdem Couscous. Nur für mich. Weil er vielleicht doch noch Hunger hat, wenn er kommt.”

Sie weinte nicht. Sie erzählte das alles mit einer so ruhigen, leeren Stimme, als hätte sie diese Geschichte schon tausend Mal erzählt, immer nur für sich selbst.

In diesem Moment kam ein alter Mann in einer blauen SNCF-Uniform zu uns. Ein Bahnangestellter. Er kannte sie offensichtlich.

“Aïcha”, sagte er sanft auf Französisch, “Ihr Zug hat heute wieder Verspätung, was?”

Sie lächelte ihn an. “Ja, Henri. Wie immer.”

Der Mann setzte sich neben sie und nahm ihre Hand. “Kommen Sie, ich helfe Ihnen mit dem Koffer. Er ist heute besonders schwer, oder?”

“Ja”, sagte Aïcha, “heute ist er sehr schwer. Weil so viele Erinnerungen drin sind.”

Und dann sah ich, wie dieser alte Bahnangestellter, Henri, den leeren roten Koffer nahm und ihn trug. Er trug einen leeren Koffer, als wäre er voller Gold. Mit so viel Respekt. Er begleitete Aïcha bis zum Ausgang des Bahnhofs, jeden Freitag. Seit zehn Jahren.

Ich saß da auf meiner Bank und habe geweint wie ein Kind. Die Leute schauten mich an, aber es war mir egal.

Mein Zug nach Paris kam. Ich stieg ein. Aber ich konnte Aïcha nicht vergessen.

Seitdem denke ich jeden Freitag um 17 Uhr an sie. Ich frage mich: Sitzt sie gerade in Lyon Part-Dieu? Schaut sie auf die Tafel? Wartet sie mit dem leeren roten Koffer auf ihren kleinen Bruder?

Wenn Sie diese Geschichte lesen, denken Sie am Freitag um 17 Uhr an Aïcha. Und wenn Sie jemanden haben, der auf Sie wartet, rufen Sie ihn an. Sagen Sie ihm, dass Sie bald nach Hause kommen. Und kommen Sie wirklich nach Hause.

Weil irgendwo auf dieser Welt sitzt vielleicht eine Aïcha und wartet mit einem leeren roten Koffer auf Sie.

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