In Freiburg im Breisgau, in der Altstadt, in einer kleinen Gasse namens Konviktstraße, gibt es einen Uhrmacherladen. “Uhren Meister Braun – Seit 1921”. 20 Quadratmeter. Voll mit Uhren. Wanduhren, Taschenuhren, Kuckucksuhren aus dem Schwarzwald. Alle ticken. Außer einer.
An der Wand, direkt über der Werkbank, hängt eine große Bahnhofsuhr. Weiß. Schwarze Zeiger. Sie zeigt immer 15:47 Uhr. Seit 29 Jahren. Sie tickt nicht. Sie steht still. Seit dem 7. Juni 1995 um 15:47 Uhr.
Der Uhrmacher heißt Herr Braun. Klaus Braun. 81 Jahre alt. Uhrmacher seit 1958. Mit 13 Jahren hat er angefangen bei seinem Vater. Er kann jede Uhr reparieren. Jede. Sogar Uhren aus dem 18. Jahrhundert.
Seit 29 Jahren, seit 1995, kommt er jeden Tag um 15:30 Uhr in seinen Laden. Er macht die Tür zu. Er nimmt eine kleine Leiter. Er stellt sich vor die große Bahnhofsuhr, die um 15:47 Uhr stehen geblieben ist. Und er wartet. Bis 15:47 Uhr. Dann nimmt er einen Schlüssel und stellt die Uhr wieder auf 15:47 Uhr. Obwohl sie schon auf 15:47 Uhr steht. Er stellt sie jeden Tag neu auf 15:47 Uhr. Seit 29 Jahren.
Warum stellt ein 81-jähriger Uhrmacher seit 29 Jahren jeden Tag eine Uhr auf 15:47 Uhr, die schon auf 15:47 Uhr steht?
Am 7. Juni 1995 um 15:47 Uhr ist sein Sohn gestorben. Michael. 19 Jahre alt. Abitur gemacht. Wollte Uhrmacher werden wie Papa und Opa.
Michael war mit dem Fahrrad unterwegs. Auf dem Weg zum Uhrmacherladen von Papa. Er wollte Papa um 16:00 Uhr helfen, eine große Kuckucksuhr zu reparieren. Er hatte um 15:30 Uhr Schule aus. Er fuhr schnell. Sehr schnell. Er freute sich.
Um 15:47 Uhr, an der Kreuzung Konviktstraße / Bertoldstraße, 50 Meter vor Papas Laden, ist ein LKW gekommen. Der Fahrer hat Michael nicht gesehen. Fahrrad gegen LKW. Tot. Sofort. 19 Jahre. 50 Meter vor dem Ziel.
Im Laden, über der Werkbank, hing die große Bahnhofsuhr. Sie tickte. Als Klaus um 15:47 Uhr einen lauten Knall hörte, draußen, schaute er auf die Uhr. 15:47 Uhr. Dann hörte er Schreie. Er rannte raus. Er sah sein Fahrrad. Seinen Sohn. Blut. Still.
Die Uhr im Laden blieb in diesem Moment stehen. Um 15:47 Uhr. Einfach so. Ohne Grund. Als hätte sie gesagt: “Hier bleibt die Zeit stehen. Hier ist Michael gestorben.”
Der Uhrmacher, der jede Uhr reparieren kann, hat diese eine Uhr nie repariert. Er kann sie reparieren. In 5 Minuten. Er weiß genau, was kaputt ist. Eine kleine Feder. Aber er repariert sie nicht.
Seit dem 8. Juni 1995, dem Tag nach dem Tod, stellt Klaus jeden Tag um 15:47 Uhr die Uhr neu auf 15:47 Uhr. Mit einem Schlüssel. Obwohl sie schon steht.
Er sagt: “15:47 Uhr ist die Zeit, als Michael 50 Meter vor meinem Laden war. Wenn ich die Uhr weiterlaufen lasse, dann geht die Zeit weiter ohne Michael. Aber wenn ich sie jeden Tag um 15:47 Uhr wieder auf 15:47 Uhr stelle, dann bleibt Michael immer 50 Meter vor meinem Laden. Er kommt gleich. Er ist gleich da um 16:00 Uhr, um mir mit der Kuckucksuhr zu helfen. Verstehst du?”
Im Laden, unter der stehenden Uhr, steht ein kleiner Hocker. Und ein kleiner Schraubenzieher. Und eine halb reparierte Kuckucksuhr. Seit 1995. Michael wollte sie reparieren.
Jeden Tag um 15:30 Uhr macht Klaus die Tür zu. Er setzt sich auf den Hocker. Er wartet bis 15:47 Uhr. Er stellt die Uhr auf 15:47 Uhr. Dann sagt er: “Michael, die Kuckucksuhr wartet. Komm, wir reparieren sie zusammen.”
Und er wartet bis 16:00 Uhr. Auf Michael. Der nie kommt.
Die Leute in Freiburg kennen die Geschichte. Manche kommen um 15:47 Uhr vorbei und schauen durchs Fenster. Sie sehen den alten Mann auf der Leiter, wie er eine Uhr auf 15:47 Uhr stellt, die schon auf 15:47 Uhr steht.
Letztes Jahr wollte die Stadt Freiburg die Straße sanieren. Die Kreuzung Konviktstraße / Bertoldstraße, wo Michael starb. Sie wollten das kleine weiße Kreuz wegmachen, das da seit 1995 steht. Klaus hat sich auf die Straße gelegt. 81 Jahre alt. Er hat gesagt: “Hier ist mein Sohn 50 Meter vor meinem Laden gestorben um 15:47 Uhr. Wenn ihr das Kreuz wegmacht, woher soll er wissen, wo er abbiegen muss zu mir?”
Das Kreuz ist geblieben.
Klaus hat Krebs. Bauchspeicheldrüse. Noch 4 Monate, sagt der Arzt. Er hat zu seiner Frau gesagt: “Wenn ich tot bin, bitte stellt die Uhr weiter jeden Tag auf 15:47 Uhr. Damit Michael immer noch 50 Meter vor dem Laden ist. Damit er nicht allein ist.”
Seine Frau weint jeden Tag um 15:47 Uhr.
Gestern war ich in Freiburg. Um 15:30 Uhr. Ich bin in den Uhrmacherladen gegangen. Klaus saß auf dem Hocker unter der Uhr, die 15:47 Uhr zeigt. Er hatte den Schlüssel in der Hand.
Ich habe gefragt: “Herr Braun, darf ich warten?”
Er hat gesagt: “Ja, aber leise. Um 15:47 Uhr kommt Michael. Er darf nicht erschrecken. Er ist mit dem Fahrrad.”
Um 15:47 Uhr hat er die Leiter genommen. Er hat die Uhr, die schon 15:47 Uhr zeigt, wieder auf 15:47 Uhr gestellt. Er hat gesagt: “So, Michael. Jetzt ist es wieder 15:47 Uhr. Du bist gleich da. Die Kuckucksuhr wartet.”
Und er hat bis 16:00 Uhr gewartet. Auf den Hocker.
Michael kam nicht. Wie seit 29 Jahren.
Es gibt Uhrmacher, die reparieren Uhren, damit die Zeit weitergeht. Und es gibt Klaus Braun, 81 Jahre alt, in Freiburg, in 20 Quadratmeter Laden voller tickender Uhren, der seit 29 Jahren jeden Tag um 15:47 Uhr eine einzige Bahnhofsuhr, die am 7. Juni 1995 um 15:47 Uhr stehen geblieben ist, als sein Sohn Michael 19 Jahre alt 50 Meter vor seinem Laden vom LKW erfasst wurde, wieder auf 15:47 Uhr stellt, obwohl sie schon auf 15:47 Uhr steht, weil er sagt: “Wenn ich die Uhr weiterlaufen lasse, geht die Zeit weiter ohne Michael. Wenn ich sie auf 15:47 Uhr lasse, ist er immer noch 50 Meter vor meinem Laden und kommt gleich um 16:00 Uhr, um mir mit der Kuckucksuhr zu helfen.”